Wenn Kritik unerwünscht ist: Wie politische Kultur in Seitingen-Oberflacht kippt
Die Frage, ob ein engagiertes kritisches Gemeinderatsmitglied in Seitingen-Oberflacht seine Aufgabe noch erfüllen kann, ist längst keine theoretische mehr. Sie wird inzwischen von mehreren Seiten gestellt – leise, hinter vorgehaltener Hand, und zunehmend offen. Denn das politische Klima im Ort hat sich spürbar verändert.
Nicht in Form eines einzelnen Vorfalls.
Sondern als System.
Ein Klima der Einschüchterung
In den vergangenen Monaten ist eine Reihe von Schriftwechseln bekannt geworden, die ein beunruhigendes Bild zeichnen. Bürger, die in privaten Chats oder Mails ihre persönliche Meinung äußern – etwa zur Ausgrenzung kritischer Gemeinderäte –, sehen sich mit scharfen Reaktionen aus dem Rathaus konfrontiert. Der Ton: belehrend, herabsetzend, teils einschüchternd.
In internen Schreiben werden Bürger sinngemäß als unsachlich, manipuliert oder unfähig zur eigenen Urteilsbildung dargestellt. Der Eindruck entsteht: Kritik gilt nicht als legitimer Teil demokratischer Debatte, sondern als Störgröße, die man zurechtweisen muss.
Für eine Gemeinde, die auf ehrenamtliches Engagement angewiesen ist, ist das ein gefährliches Signal.
Der Gemeinderat: Schweigen nach außen
Besonders deutlich zeigt sich die Schieflage im Umgang mit kritischen Gemeinderäten. Mehrere Vorgänge legen nahe, dass abweichende Positionen im Gremium zwar formal geäußert werden dürfen, öffentlich jedoch systematisch unsichtbar bleiben.
Offizielle Informationen – Gemeindeblatt, Broschüren, öffentliche Darstellungen – transportieren nahezu durchgehend eine einheitliche Linie. Abweichende Einschätzungen tauchen, wenn überhaupt, nur am Rand auf. Teilweise sehen sich Gemeinderäte gezwungen, ihre Position außerhalb der offiziellen Kanäle darzustellen – ein Schritt, der sie wiederum angreifbar macht.
Was hier entsteht, ist kein Konsens.
Es ist Disziplinierung durch Kommunikation.
Gruppendruck statt freies Mandat
Ein weiteres Element dieses Systems ist Gruppendynamik. Wer widerspricht, riskiert Isolation – politisch und sozial. In kleinen Gemeinden wirkt dieser Druck besonders stark. Ehrenamtliche Mandatsträger stehen nicht nur politisch, sondern auch persönlich im Dorfleben unter Beobachtung.
Hinzu kommt: Zentrale Themen werden zunehmend in nichtöffentliche Sitzungen verlagert. Kritische Gemeinderäte wissen dann mehr, dürfen aber weniger sagen. Wer trotzdem Klartext redet, bewegt sich schnell im Graubereich zwischen Transparenz und angeblicher Pflichtverletzung.
So wird aus dem Ehrenamt ein Haftungs- und Reputationsrisiko.
Der Bürgermeister als Polarisierungsfaktor
In dieser Gemengelage kommt der Rolle des Bürgermeisters besondere Bedeutung zu. Statt moderierend zu wirken, verstärkt er die Polarisierung. Kritik wird nicht sachlich eingeordnet, sondern moralisch abgewertet. Zweifel gelten als hinderlich, nicht als notwendig.
Das Ergebnis:
- Unterstützer fühlen sich bestätigt.
- Kritiker fühlen sich delegitimiert.
- Unentschlossene ziehen sich zurück.
Eine solche Führung erzeugt kurzfristig Geschlossenheit – langfristig jedoch politische Verarmung.
Warum kritisches Ehrenamt sich nicht mehr lohnt
Die Konsequenzen sind absehbar. Wer sich kritisch engagiert, investiert Zeit, Fachwissen und persönliche Energie – ohne realistische Aussicht, diese Position öffentlich wirksam vertreten zu können. Gleichzeitig wächst das persönliche Risiko: rechtlich, sozial, emotional.
Unter diesen Bedingungen stellen sich viele die gleiche Frage:
Warum tue ich mir das noch an?
Es ist absehbar, dass sich genau dieser Personenkreis künftig nicht mehr zur Wiederwahl stellt – oder das Amt vorzeitig niederlegt. Nicht aus Bequemlichkeit, sondern aus Selbstschutz.
Was auf dem Spiel steht
Wenn kritische Gemeinderäte verschwinden, verschwindet nicht der Konflikt – sondern die Korrekturinstanz. Zurück bleibt ein Gremium, das nach außen geschlossen wirkt, intern aber verarmt ist.
Demokratie lebt vom Widerspruch.
Wo dieser systematisch unterdrückt wird, bleibt am Ende nur Verwaltung – keine Politik.
Seitingen-Oberflacht steht genau an diesem Punkt.
Nicht wegen eines einzelnen Projekts, sondern wegen einer politischen Kultur,
die Kritik nicht mehr aushält.
Und das ist gefährlicher als jede einzelne Entscheidung.
Und dennoch: Demokratie ist kein Sprint
So düster diese Bestandsaufnahme ist – sie ist kein Endpunkt.
Demokratie ist kein Sprint, kein einmaliger Urnengang und kein kurzfristiger Machterhalt.
Sie ist ein Marathon.
Ein politisches Klima, das sich über Jahre verengt hat, lässt sich nicht in Wochen reparieren. Aber es lässt sich verändern. Nicht durch Schweigen, nicht durch Wegsehen, sondern durch Beharrlichkeit, Transparenz und Rückkehr zu fairen Verfahren.
Dazu gehört:
- dass Kritik wieder als notwendiger Bestandteil politischer Arbeit akzeptiert wird,
- dass Gemeinderäte ihre Rolle als eigenständige Kontrollinstanz zurückerhalten,
- dass ein Bürgermeister moderiert statt polarisiert,
- und dass Bürger nicht als Störfaktoren, sondern als Mitgestalter behandelt werden.
Demokratie lebt nicht davon, dass alle einer Meinung sind.
Sie lebt davon, dass unterschiedliche Meinungen ausgehalten werden.
Seitingen-Oberflacht steht an einem Scheideweg. Der aktuelle Zustand ist kein Naturgesetz. Er ist das Ergebnis politischer Entscheidungen – und damit auch politisch korrigierbar.
Das braucht Zeit.
Es braucht Rückgrat.
Und es braucht Menschen, die sich nicht entmutigen lassen.
Denn wo Engagement nicht sofort belohnt wird, sondern trotzdem fortgesetzt wird, beginnt demokratische Erneuerung.
Nicht laut.
Nicht bequem.
Aber wirksam.
