Wie zentrale Aussagen zur Windkraft nachträglich zerfallen
Seitingen-Oberflacht 01.01.2026

Der Bürgerentscheid zur Windkraft auf dem Oberen Berg beruhte auf drei Botschaften, die für viele Bürger ausschlaggebend waren:
erstens auf angeblich sicheren jährlichen Einnahmen von rund 500.000 Euro,
zweitens auf der Behauptung, die Windräder seien ohnehin nicht zu verhindern, da andere Akteure – insbesondere die landeseigene ForstBW und die Gemeinde Talheim – notfalls allein bauen würden,
und drittens auf dem Eindruck, der Gemeinderat stehe geschlossen hinter der Entscheidung zur Verpachtung.
Für viele Bürger ergab sich daraus eine klare Schlussfolgerung:
Warum auf erhebliche Einnahmen verzichten, wenn die Windräder ohnehin kommen – und der Gemeinderat dies angeblich umfassend geprüft hat?
Dieses Bild hält einer näheren Betrachtung nicht stand.
In der Gemeinderatssitzung vom 18. Dezember 2025 zeichnete der Bürgermeister selbst ein anderes Bild. Plötzlich ist von offenen Verträgen, erst noch zu entwickelnden Vergabekriterien und zusätzlicher externer Rechtsberatung die Rede. Gleichzeitig erklärte er, Seitingen-Oberflacht wolle gemeinsam mit der Gemeinde Talheim die Konditionen der Verpachtung selbst festlegen, während sich ForstBW diesem Vorgehen anschließe. Dies habe man der ForstBW so kommuniziert – und sie akzeptiere dies.
Damit wird die bisherige Darstellung der angeblichen Alternativlosigkeit grundlegend infrage gestellt.
Besonders aufschlussreich ist die Begründung, mit der dieser Kurswechsel erklärt wird: ForstBW verlange zu hohe Pachten; Projekte seien daran wirtschaftlich gescheitert. Diese Darstellung ist in dieser Form nicht haltbar.
ForstBW setzt keine Pachtpreise fest. Der Landesbetrieb schreibt Flächen aus. Projektierer geben ihre Angebote eigenverantwortlich ab, einschließlich der Pacht, die sie zu zahlen bereit sind. Als Wirtschaftsunternehmen kalkulieren sie selbst, was wirtschaftlich tragfähig ist. Scheitert ein Projekt später, liegt das an der Kalkulation des Bieters – nicht an der Ausschreibung.
Zudem werden Angebote nicht nach der höchsten Pacht, sondern nach einem gewichteten Punktesystem bewertet: Wirtschaftlichkeit, Rückbau, finanzielle Stabilität, kommunale Beteiligung und weitere Kriterien fließen ein. Den Zuschlag erhält das beste Gesamtangebot, nicht der Höchstbietende. Ergänzend stellt ForstBW ein geprüftes Vertragswerk bereit, das Kommunen gerade vor rechtlichen und wirtschaftlichen Risiken schützen soll.
Vor diesem Hintergrund wirkt die neue Erzählung konstruiert. Wenn ForstBW weder Preise diktiert noch einseitig „nur nach dem Geld schaut“, fehlt die sachliche Grundlage, um ein bewährtes Landesverfahren schlechtzureden und durch einen kommunalen Sonderweg zu ersetzen.
Noch schwerer wiegt der politische Befund: Die Entscheidungsgrundlage des Bürgerentscheids war verzerrt. Weder waren die 500.000 Euro gesichert, noch war die behauptete Alternativlosigkeit belegt.
Ein Bürgerentscheid setzt voraus, dass Bürger alle wesentlichen Informationen erhalten. Dazu gehört auch, dass abweichende Auffassungen im Gemeinderat sichtbar sind. Genau das war hier nicht der Fall. Kritische Gemeinderäte traten in der offiziellen Information praktisch nicht in Erscheinung. Abweichende Positionen wurden nicht gleichwertig dargestellt.
Damit entstand der Eindruck einer Einigkeit, die es so nicht gab.
Heute zeigt sich: Verträge, Kriterien und Wirtschaftlichkeit sind offen. Ein zuvor als alternativlos dargestelltes Vorhaben entpuppt sich als komplex, ungeklärt und verfahrensabhängig.
Der Bürgerentscheid mag formal zustande gekommen sein.
Inhaltlich beruht er auf Annahmen, die sich im Nachhinein als unzutreffend oder unvollständig erweisen.
Wer demokratische Entscheidungen ernst nimmt, muss diese Diskrepanz benennen – und aufklären, wie es dazu kommen konnte.
Analyse des Bürgerentscheids
Diese Seite beleuchtet die Hintergründe und Veränderungen eines umstrittenen Windkraft-Bürgerentscheids.

Hintergründe
Hier werden die grundlegenden Umstände des Bürgerentscheids detailliert dargestellt.

Beweggründe
Untersuchung der Motive / Meinungen der Beteiligten.

Auswirkungen
Analyse der Folgen und der öffentlichen Reaktion auf den Entscheid.
